Was passiert, wenn Lehrkräfte selbst wieder zu Lernenden werden? Wenn Schulen über Ländergrenzen hinweg voneinander lernen? Oder wenn junge Menschen für ihren Bildungsabschluss vor allem eines brauchen: mehr Zeit und individuelle Unterstützung?
Um diese und weitere Fragen drehte sich am 8. Oktober 2026 alles bei der 15. Ausgabe der Gesprächsreihe „ESF+ meets Erasmus+“. Die jährliche Vernetzungsaktivität zwischen dem Europäischen Sozialfonds Plus (ESF+) und dem europäischen Bildungsprogramm Erasmus+ stand diesmal unter dem Motto „Skills for Life“. Im Publikum: rund 100 Lehrkräfte aus ganz Österreich, die im Rahmen eines Erasmus+ Netzwerktreffens zusammenkamen und am Beginn ihrer eigenen Erasmus+ Reise stehen.
Gabriele Bauer, EU-Programm-Officerin beim OeAD im Bereich Erasmus+ Schulbildung, diskutierte mit vier Gästen über unterschiedliche Wege des Lernens und eine gemeinsame Frage: Was verändert sich, wenn wir Bildung aus einer anderen Perspektive betrachten?
Mut ist der Anfang
Karin Samek, stellvertretende Schulleiterin der MS in der Krim in Wien-Döbling, Erasmus+ Koordinatorin und Mitglied des Schulentwicklungsteams, steht eine Fähigkeit ganz oben: Mut.
„Der wichtigste Skill ist Mut. Mut, Neues auszuprobieren, gewohnte Wege zu verlassen und sich auf Erfahrungen einzulassen, deren Ergebnis man noch nicht kennt.“
Gerade Erasmus+ eröffnet Schulen die Möglichkeit, über den eigenen Tellerrand zu blicken. Andere Bildungssysteme kennenlernen, neue Unterrichtsmethoden entdecken und Erfahrungen aus Europa in den eigenen Schulalltag mitnehmen – dafür braucht es zunächst die Bereitschaft, den ersten Schritt zu wagen.
Gemeinsam lernen statt allein verändern
Wie aus internationalen Begegnungen nachhaltige Schulentwicklung entstehen kann, zeigte Karin Zunzer, Direktorin der GTVS Wehlistraße, Schulentwicklungsberaterin und Koordinatorin des Bildungsgrätzels STUWER-VIERTEL-ZWEI.
„Der größte Gewinn durch Erasmus+ ist für uns das kollegiale Teamcoaching. Der Austausch mit europäischen Lehrkräften und Schulleitungen gibt uns wertvolle Impulse, um die Unterrichtsqualität an unserem Schulstandort gemeinsam weiterzuentwickeln.“
Damit wird deutlich: Erasmus+ ist weit mehr als eine Reise ins Ausland. Internationale Mobilität kann zum Motor für Schulentwicklung werden – wenn Erfahrungen geteilt, gemeinsam reflektiert und in konkrete Veränderungen übersetzt werden.
Wenn Lehrkräfte die Seiten wechseln
Ein ganz anderer Perspektivenwechsel stand bei Daniel Attia im Mittelpunkt. Das 2021 gestartete Programm Seitenwechsel ermöglicht Lehrkräften, für ein Jahr ihren Arbeitsplatz Schule gegen ein Unternehmen einzutauschen – und anschließend an ihren Schulstandort zurückzukehren.
Was braucht es, um nach vielen Jahren im Klassenzimmer plötzlich in einer völlig anderen Arbeitswelt zu stehen?
„Entscheidend ist die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen. Wer die Seite wechselt, muss offen dafür sein, vertraute Routinen hinter sich zu lassen und eine andere Arbeitswelt kennenzulernen.“
Der Gewinn kann auf beiden Seiten liegen: Lehrkräfte bringen neue Erfahrungen und Perspektiven in die Schule zurück, Unternehmen erhalten Einblicke in die Bildungswelt. Und manchmal beginnt Lernen gerade dort, wo die eigene Expertise nicht mehr selbstverständlich ist.
Wenn Bildung mehr Zeit braucht
Dass nicht alle Menschen unter denselben Bedingungen lernen, machte Sebastian Beer, Projektleiter des ESF-Projekts Construct, deutlich. Das Projekt unterstützt Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 15 und 21 Jahren dabei, ihren Pflichtschulabschluss nachzuholen.
„Die größte Herausforderung sind die unterschiedlichen individuellen Bedarfe der Jugendlichen. In Construct können wir ihnen durch kleine Gruppensettings und ausreichend Zeit gezielt begegnen.“
Ein Ansatz, der zeigt, wie wichtig passgenaue Bildungsangebote sind. Denn manchmal braucht es andere Rahmenbedingungen, damit Lernen gelingen kann. Der ESF+ leistet einen wichtigen Beitrag dazu, jungen Menschen neue Bildungswege und damit bessere Zukunftsperspektiven zu eröffnen.
Vier Perspektiven, eine gemeinsame Botschaft
Mobilität, Schulentwicklung, der Wechsel zwischen Schule und Unternehmen und ein neuer Weg zum Pflichtschulabschluss: So unterschiedlich die Beispiele waren, so klar wurde ihre gemeinsame Botschaft. Bildung entfaltet ihre Wirkung dort, wo Menschen neue Möglichkeiten erhalten, sich weiterzuentwickeln.
Erasmus+ und ESF+ setzen dafür unterschiedliche, einander ergänzende Impulse: Sie fördern grenzüberschreitendes Lernen, stärken Bildungsinstitutionen und eröffnen Chancen für Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen.
Für die rund 100 Lehrkräfte, die gerade erst mit Erasmus+ starten, bot das Gespräch Inspiration und vielleicht auch die entscheidende Ermutigung für den nächsten Schritt.
Denn eines wurde an diesem Vormittag besonders deutlich: Wer neue Wege des Lernens ermöglichen will, muss manchmal selbst den Mut haben, einen neuen Weg einzuschlagen.