Ein arktischer Blick auf eine europäische Frage
Wie kann Jugendarbeit junge Menschen erreichen, wenn Wege weit sind, Gemeinden klein und passende Räume nicht selbstverständlich? Diese Frage prägte das Europe Goes Local Event, das vom 2. bis 5. Juni 2026 in Tromsø stattfand. Die norwegische Stadt trug als Europäische Jugendhauptstadt 2026 den programmatischen Titel „True North“ – und bot damit einen besonderen Rahmen für den Austausch über lokale Jugendbeteiligung.
Delegierte aus Gemeinden, Jugendorganisationen, Verwaltungen, Jugendzentren und europäischen Institutionen brachten Erfahrungen aus sehr unterschiedlichen Regionen mit. Im Mittelpunkt stand jedoch eine gemeinsame Herausforderung: Junge Menschen sollen nicht nur erreicht oder angehört werden, sondern Entscheidungen in ihrem direkten Lebensumfeld tatsächlich mitgestalten können.
Drei österreichische Perspektiven
Österreich war durch zwei junge kommunalpolitische Stimmen und die nationale Erasmus+ Jugendagentur vertreten: Samara Sánchez Pöll, Jugendgemeinderätin in Eisenstadt, Manuel Kalss, Jugendgemeinderat in Berg, sowie Zurab Samadalashvili, Programmreferent für Erasmus+ Jugend und nationaler Koordinator von Europe Goes Local in Österreich.
Gerade diese Verbindung machte den Austausch wertvoll: Erfahrungen aus einer Landeshauptstadt, einer kleineren Grenzgemeinde und der europäischen Programmarbeit trafen aufeinander. So wurde aus einer internationalen Konferenz ein Lernraum mit direktem Bezug zur kommunalen Praxis in Österreich.
„Besonders beeindruckt hat mich die Offenheit und Motivation der Teilnehmer:innen aus ganz Europa. Es war inspirierend zu sehen, wie viele kreative Ansätze es gibt, um junge Menschen einzubinden und ihnen echte Mitgestaltungsmöglichkeiten zu geben.“
Samara Sánchez Pöll, Jugendgemeinderätin in Eisenstadt
„Es war interessant zu sehen, wie unterschiedlich die Rahmenbedingungen in Europa sind und wie ähnlich viele Herausforderungen dennoch bleiben. Internationale Netzwerke helfen uns, voneinander zu lernen und neue Impulse für Jugendarbeit und Jugendpolitik zu gewinnen.“
Manuel Kalss, Jugendgemeinderat in Berg
“Tromsø hat gezeigt, wie stark kommunale Jugendarbeit sein kann, wenn junge Menschen nicht nur erreicht, sondern ernsthaft beteiligt werden.”
— Zurab Samadalashvili, Erasmus+ Jugend Österreich
Lernen dort, wo Jugendarbeit passiert
Die stärksten Eindrücke entstanden nicht allein im Konferenzsaal. Bei Study Visits, Workshops und Arbeitsgruppen lernten die Teilnehmenden Jugendzentren, Kultur- und Bildungseinrichtungen, die öffentliche Bibliothek, das samische Kulturhaus sowie Ansätze der aufsuchenden Jugendarbeit kennen.
Tromsø zeigte dabei, wie lokale Strukturen zusammenwirken können: offene Räume, verlässliche Ansprechpersonen, politische Beteiligung und kreative Angebote bilden keine getrennten Welten. Richtig verbunden, schaffen sie Wege von der ersten Begegnung bis zur aktiven Mitgestaltung.
Entfernung darf nicht über Teilhabe entscheiden
Ein besonderer Schwerpunkt galt ländlichen, abgelegenen und strukturschwächeren Regionen. Beispiele aus Nordnorwegen und anderen peripheren Gebieten machten deutlich: Große Distanzen, begrenzte Mobilität und wenige lokale Angebote erschweren Beteiligung – sie machen sie aber nicht unmöglich.
Entscheidend sind flexible und langfristige Lösungen: aufsuchende Jugendarbeit, leicht zugängliche Treffpunkte, digitale Ergänzungen und die Zusammenarbeit von Gemeinden, Schulen, sozialen Diensten und Zivilgesellschaft. Europäische Vernetzung hilft dabei, erprobte Ansätze nicht einfach zu kopieren, sondern für den eigenen Ort passend weiterzuentwickeln.
Zehn Jahre Europe Goes Local
Das Treffen markierte zugleich zehn Jahre Europe Goes Local. Aus einer europäischen Initiative ist ein wachsendes Netzwerk geworden, das kommunale Jugendarbeit sichtbar macht, Qualitätsentwicklung unterstützt und lokale Akteur:innen mit Erasmus+ und europäischen Partner:innen verbindet.
Das Jubiläum richtete den Blick deshalb nicht nur zurück. Es stellte die Frage, was in den kommenden Jahren weiter wachsen soll: tragfähige lokale Strukturen, echte Mitentscheidung junger Menschen und Kooperationen, die nach einer Veranstaltung nicht enden.
Was aus Tromsø mit nach Österreich kommt
Für die österreichische Delegation lassen sich drei zentrale Impulse festhalten:
- Jugendbeteiligung braucht verlässliche Strukturen – nicht nur einzelne Aktionen.
- Europäischer Austausch wird dann wertvoll, wenn neue Kontakte in lokale Vorhaben und Kooperationen übersetzt werden.
- Junge Menschen in kleinen, ländlichen oder abgelegenen Gemeinden brauchen denselben Zugang zu Beteiligung, Unterstützung und europäischen Möglichkeiten wie Jugendliche in Städten.
Die Gespräche und Kontakte aus Tromsø sollen nun in Österreich weiterwirken – in Gemeinden, in neuen Partnerschaften und in der Frage, wie junge Menschen dauerhaft an Entscheidungen beteiligt werden können. Denn Europa wird nicht erst in Brüssel sichtbar. Es beginnt dort, wo Gemeinden zuhören, Räume öffnen und junge Menschen als Mitgestalter:innen ernst nehmen.